Michael Schultz Daily News Nr. 742

Michael Schultz Daily News Nr. 742

Berlin, den 12. August 2014

Liebe Freunde,

vor sehr langer Zeit gab es unter den 'Fortschrittlichen' in unserem Lande eine Diskussion über die Darstellung von Gewalt und deren Glorifizierung in den Mickey Mouse-Heften des genialen Zeichners Walt Disney. Erboste Eltern forderten gar deren Indexierung und mit ihr die Verbannung aus dem Kinderzimmer. Soviel Gewalt sei schädlich für die Kleinen, man hatte Angst, dass sich diese auf deren Entwicklung überträgt, und die Kinder sich im Alter in einer Gewaltspirale befinden, aus der sie nicht mehr raus kommen.

Mitte, Ende der sechziger bis hinein in die Siebziger war das unter jungen Eltern ein ernsthaftes Thema. Die Gegner der Angstmacher argumentierten hauptsächlich mit der 'Tagesschau'; die Gewalt, die dort gezeigt wird, sei realer, brutaler und weitaus belastender als das, was in den beliebten Komik-Heftchen veröffentlicht wird. Die Diskussionen wurden mitunter heftig ausgetragen.

Im Rückblick gesehen war die Angst der Eltern fruchtbar: die Mickey Mouse-Heftchen sind so gut wie vom Markt verschwunden, ganz selten bekommt man noch eines in die Hand. Die Oberhoheit über Gewaltdarstellungen haben sich eindeutig die Nachrichtensendungen gesichert; besonders bei den Öffentlich-Rechtlichen dominiert die Übertragung von Elend, Terror, Krieg, Zerstörung und Tod. Alles, was früher mal richtig wehtat, wird heute in stündlichem Rhythmus über den Äther gespült. Mord und Totschlag sind fester Bestandteil unserer Kultur, doch durch die Flut der schrecklichen Bilder sind unsere Empfindungen auf ein Minimum von Mitgefühl abgestumpft.

Der alltägliche Terror der 'Tagesschau' setzt sich in den nachfolgenden Sendungen fort. Im 'Tatort', bei 'Wallander', im 'Polizeiruf 110' und wie immer auch die unendlichen Gewaltserien heißen, sie dominieren das Fernsehprogramm und liefern den Gewaltvoyeuren unter uns den Kick vor dem Schlafengehen. Ein Blick ins Fernsehprogramm liefert den Beweis; nach der Tagesschau um 20.15 Uhr bis spät nach Mitternacht strahlte gestern Abend z. B. der zur ARD-Senderfamilie gehörende 'RBB' (Berlin-Brandenburg) ausschließlich Mordgeschichten unters Volk. Dazwischengeschaltet werden die Nachrichten, für die Mordlustigen unter uns kein Grund zum Abschalten.

Wenn dann mal einer der Jünglinge ausrastet und in seiner Schule ein Blutbad anrichtet, ist die Empörung groß. Besonders in Amerika, dort ist der Präsident zur Stelle und bedauert mit ausschweifenden Worten die Trauernden. Kurzzeitig wird laut und öffentlichkeitswirksam über die Waffengesetze, über Polizei an Schulen, über eine bessere Ausbildung der Lehrer, oder auch über die Bewaffnung der Hausmeister diskutiert. Die andauernde Gewaltwelle, die 24 Stunden am Tag in unsere Wohnzimmer flimmert, war dabei noch nie ein Thema. Warum auch, schließlich widerspiegelt sie das Sittenbild unserer Gesellschaft. Im Umkehrschluss dürfen wir uns deshalb über so manche Gräueltat, die in unserem Umfeld geschieht, nicht wirklich wundern. 

In Würzburg steht gerade ein Fernfahrer vor Gericht, der aus seinem fahrenden LKW mehr als 700-mal auf andere Autofahrer geschossen hat. Bei einer seiner Cowboyreisen hätte er um Haaresbreite eine Frau getötet. Nur dem schnellen Eingreifen der Rettungsdienste verdankt sie ihr Leben. Der Mann, der jahrelang mit dem Revolver auf Autos geschossen hat, deren Fahrer sich nach seinem Ermessen nicht anständig im Straßenverkehr verhalten haben, wird womöglich für lange Zeit hinter Gittern verschwinden. Und das ist auch gut so.

Auch wenn es schwer fällt darüber nachzudenken, so kann das verwerfliche Verhalten des LKW-Fahrers (unter allen Vorbehalten) als Abziehbild unserer Mediengesellschaft gesehen werden. Mit dem Colt in der Hand aus fahrenden Autos zu ballern, das gibt es in amerikanischen Fernsehserien schon lange und andere Verkehrsteilnehmer zu beschimpfen und zu maßregeln gehört doch zum Alltag auf unseren Straßen. Wenn dann beides zusammenkommt, entsteht so eine Figur wie der schießwütige Fernfahrer. Wir verteufeln ihn, im Namen des Volks wird er seiner gerechten Strafe zugeführt, und die Öffentlich-Rechtlichen verfilmen seine Gräueltat.  

Das Fernsehen liefert die Vorlagen und schöpft wieder ab. Ein nicht aufzuhaltender Kreislauf.

Doch ganz zum Schluss noch etwas Versöhnliches: am Ende jeder 'Tagesschau' kommt der Wetterbericht. Kunstwerke, die uns der Himmel beschert. Für heute war im Süden viel Blau im Bild und das bedeutet Regen und Sturm. Anderswo ist es wiederum warm genug, um von einem Sommertag sprechen zu können.

Genießt ihn. Bis morgen.

Michael