Michael Schultz Daily News Nr. 733

Michael Schultz Daily News Nr. 733

Praia da Falesia, den 30. Juli 2014

Liebe Freunde,

neben dem göttlichen Portwein und den leckeren Vanilletörtchen (Pasteis de Nata) sind Korkprodukte, im besonderen Flaschenkorken, ein weiteres bekanntes Exportgut Portugals. Mit ihm wollen wir uns heute, im vierten Teil unserer kleinen Portugalserie, beschäftigen. 

Seit der Römerzeit hatte man Wein in Fässer gefüllt, was zwei Nachteile mit sich brachte: durch zu langes Lagern in Holz verschwand das Bukett, und nach dem Anzapfen verlor der Wein recht schnell an Charakter. Seit Beginn des 17. Jahrhunderts waren Glasflaschen in Gebrauch, diese jedoch nutzte man ausschließlich dafür, um den Wein aus den Kellern zu holen. Dabei entdeckte man, dass der Wein im geschmacksneutralen und luftdichten Glas, verschlossen mit einem Korken, behutsam reifen konnte und länger hielt. 

Die Flaschen allerdings waren damals noch sehr bauchig, sie konnten nur stehend gelagert werden. Dabei trocknete der Korken aus und Sauerstoff konnte in die Flaschen eindringen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden schlankere Flaschen entwickelt, in denen der Wein liegend gelagert werden konnte. Dabei wird der Kork permanent vom Wein befeuchtet, trocknet nicht aus und schließt die Flasche luftdicht ab. Portweinflaschen waren zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch bauchige Karaffen; seit 1812 werden Flaschen in ihrer heutigen Gestalt hergestellt.

Portugal steht mit 55% der Weltproduktion an der Spitze Kork produzierender Länder. Seit über 200 Jahren werden Korkprodukte exportiert. Tagtäglich werden über 30 Millionen Flaschenkorken hergestellt; pro Jahr werden 500 Millionen Champagnerkorken nach Frankreich exportiert. Da Kork sehr dauerhaft, leicht, elastisch, gas- und wasserdicht ist, nicht brennt und keine Elektrizität leitet, wird er zu vielen Gebrauchsgegenständen verarbeitet, zu Untersetzern, Abdichtungen, Wandverkleidungen, Lebensrettungswesten, Isolierungen, Schuheinlagen, Bojen für die Fischernetze und vieles mehr. Seit einiger Zeit wird der Kork auch immer mehr in der Mode verwendet; eine junge Generation von Designern hat den Naturstoff für Mode- und Dekorationsaccessoires entdeckt.

Die wichtigsten Erzeugnisse aber sind nach wie vor die Flaschenkorken, die den vorübergehenden Siegeszug synthetisch hergestellter Korken wieder ein wenig gestoppt haben. Durch kleine Saugnäpfe an den Korkwänden und die starke Ausdehnungsfähigkeit des Naturstoffs, lassen sich die Flaschen bestens und dauerhaft verschließen. Der Kork verhindert das Eindringen von Fäulniserregern. Da Kork geschmacks- und geruchsneutral ist, keine Giftstoffe enthält und sich in seiner Substanz nicht verändert, ist er für die Weinlagerung bestens geeignet. 

Im Land gibt es rund 70 Millionen Korkeichen, die vor allem in der Algarve, dem Alentejo im Landesinneren und im Ribatejo östlich von Lissabon wachsen. Die Bäume werden sechs bis zehn Meter hoch und haben eine durchschnittliche Lebensdauer von  150 Jahren. Eine erste Schälung darf erst dann vorgenommen werden, wenn die Eiche mindestens 20 Jahre alt ist. Geerntet wird der Kork, die Rinde des Baumes, in den heißen Sommermonaten, wenn der Stoffwechsel der Bäume am intensivsten ist und sich dadurch die Rinde leicht abschälen lässt. Die Mutterrinde darf dabei nicht beschädigt werden, weil sonst der Kork nicht mehr nachwächst.

Mindestens neun Jahre dauert es, bis der Baumstamm wieder Kork gebildet hat und abermals geschält werden kann. Auf den Stamm wird nach der Ernte eine Zahl geschrieben; eine 14 bedeutet, dass der Baum in diesem Jahr geschält wurde und frühestens im Jahr 2023 wieder geschält werden darf. Nach der Ernte wird die Rinde gestapelt und bis zur Weiterverarbeitung drei Monate getrocknet. Um den Kork von Ungeziefern zu befreien und um Mineralsalze und Gerbstoffe herauslösen zu können, wird er danach gekocht.  Dabei werden die Korkzellen erweitert, wodurch der Kork elastisch und geschmeidig wird. Dann wird die Rinde gepresst, getrocknet, in Scheiben geschnitten und nach Verwendungszweck sortiert und weiterverarbeitet.

Kork ist ein nachwachsender Naturstoff, dessen Ressourcen aber nicht unendlich sind. Durch die vielen Eukalyptusplantagen, die für die Papierindustrie angepflanzt werden, wird dem Boden enorme Mengen an Grundwasser entzogen. Korkeichenhaine in der Nähe von solchen Anpflanzungen sind oft, tief unten in der Erde bei den Wurzelspitzen, völlig ausgetrocknet. Es fehlt das notwendige Wasser zum Wachsen, und dadurch ist auch das ökologische Gleichgewicht in Gefahr. Der Rohstoff wird rarer und so in Zukunft sicherlich kostbarer und damit auch teurer.

Wenn auch die Prediger von künstlich hergestellten Korken immer häufiger auftreten, ist unter den Kennern  der Naturkorken das Nonplusultra einer guten Flasche Wein.

Möge er uns lange noch erhalten bleiben.

Morgen gibt es wieder mehr zu Portugal.

Bis dahin beste Grüße

Michael

 

 

 

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