Michael Schultz Daily News Nr. 730

Michael Schultz Daily News Nr. 730

Praia da Falesia, den 25. Juli 2014

Liebe Freunde,

der Islam und seine Fundamentalisten kämpfen augenblicklich an vielen Orten unserer Erde für die Errichtung eines Gottesstaates. In Nigeria ist die Terrorgruppe Boko Haram am Werk, im Irak sind es die schwerbewaffneten radikalsten der ISIS, die dort hochaufgerüstet einen brutalen Krieg gegen das herrschende System führt. Im syrischen Bürgerkrieg hat mittlerweile die Terrororganisation 'Islamischer Staat' die Oberhand gewonnen;  von ihr wird bereits ein Drittel der Landesfläche kontrolliert. Aber auch in Zentralafrika, einem der ärmsten Länder der Erde, gibt es erbitterte Kämpfe zwischen christlichen und muslemischen Milizen. In Afghanistan, Libyen, dem Südsudan und Mali wird geschossen was das Zeug hält, ganz vorne mit dabei die Scharfschützen und Bombenleger, die im Auftrag Allahs in den Krieg ziehen. Ebenso die kriegerische Hamas-Truppe im Gazastreifen, die ihre Besessenheit zum Krieg gegen Israel aus der radikalen Auslegung ihres Glaubens schöpft.

Derzeit richte sich 'die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit ganz auf die Ukraine und den Nahen Osten' schreibt die 'Welt' gestern zu diesem Thema, darüber hinaus 'geraten viele Konflikte mit tausenden von Toten aus dem Blickfeld'.

Vom Heidelberger Institut für internationale Konfliktforschung wurden im vergangenen Jahr 414 militärische Auseinandersetzungen gezählt. 45 davon wurden als hochgewaltsam eingestuft, und bei 20 wird von einem Krieg gesprochen. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um religiös motivierte Bekriegungen, wobei der Islam mit all seinen Facetten überall mitmischt.

Die Eröffnung der diesjährigen Salzburger Sommerfestspiele war der 'Ouverture spirituelle' gewidmet, die sich mit christlicher und muslemischer Musik beschäftigt. Über die Vieldeutigkeit der klassischen islamischen Kultur, die sehr gegensätzlich zum heutigen Islamismus steht, gab der deutsche Arabist Thomas Bauer in der vergangen Woche der in Wien erscheinenden 'Presse' ein bemerkenswertes Interview. Auszüge daraus sind heute das Kernthema unserer Newsletters:

Zur Mehrdeutigkeit und den Widersprüchen in der klassischen islamischen Musik sagte Bauer: 'Die Widersprüche zwischen Gefallen daran und religiösem Verbot  spielten damals nicht so eine große Rolle. Der Islam ruhte mehr in sich, man musste sich nicht so gegenüber anderen Religionen definieren oder gar abgrenzen. Sogar den rechthaberischen Gelehrten war klar, dass ihre Meinung nur wahrscheinlich die richtige war, man war sich aber nicht sicher'. 

Über tausende Jahre ist die Auslegungskultur davon ausgegangen, dass der Koran unendlich viele Bedeutungen hat, und dass der Koran eine Mehrdeutigkeit nicht verbietet, sieht man an den klassischen Kommentaren, die mehrere Deutungen gleichzeitig zulassen. Dieser Auslegungsspielraum wurde, und wird von den religiösen Juristen noch immer auch genutzt. Man wollte Rechtssicherheit, und dafür sorgten die Rechtsgelehrten. Diese hatten zwar göttliche Quellen, was sie aber daraus machten, war wieder eine ganz Sache. 

Die Widersprüche im Islam entstanden, wie im übrigen auch in der westlichen Welt, im 19. Jahrhundert. Aus den Quellen im Widerspruch haben sich Ideologien entwickelt, deren Bestand bis in die heutige Zeit gilt.  Für den Islam gab es die Alternative, westliche Ideologien zu übernehmen, oder sich mit einer eigenen Ideologie dagegen zu behaupten.

Zu den Konflikten innerhalb der Religion sagte der Arabist: 'In der Frühzeit gab es große Spannungen, aber Sunniten und Schiiten waren in der Geschichte  kein großer Gegensatz, aber sie waren auch nie eine homogene Gruppe. Rivalitäten gab es immer,  mit den heutigen sind diese jedoch nicht vergleichbar. Die meiste Zeit war das Zusammenleben friedlich, auch im Irak bis zuletzt. Der Stamm dort war immer wichtiger als die Frage ob man Schiit oder Sunnit ist. Die Fronten sind erst in jüngster Zeit entstanden. Die Solidarität in Syrien zum Beispiel, zwischen Assad und den sogenannten 'Zwölfer-Schiiten' entstammt aus einer modernisierten Auslegung des Glaubens'.

Zu den Auseinandersetzungen im Irak sagte er: 'Die ISIS macht aus dem Islam das was Pol Pot aus Karl Marx gemacht hat. Das fängt schon damit an, dass die dort Kirchen zerstören, was im klassischen Islam verboten ist. Erstmals wurde der Islamismus in Saudi-Arabien schlagend. Ohne westlichen Einfluss; die Hauptgegner waren traditionelle Muslime, weil diese behaupteten, man sei kein Muslim mehr wenn man die Dinge nicht streng an einer Glaubensregel ablese'.

In unserer Kultur wurde der Islam seit dem Mittelalter hoch geschätzt. Goethe, Rückert und viele andere waren vom Islam wegen seiner Vielschichtigkeit begeistert. Erst die Iranische Revolution im Jahre 1979 war der Wendepunkt unseres Islam-Bildes. Erstmals ließ sich ein größerer islamischer Staat nicht in die vom Ost-West Konflikt beherrschte Weltpolitik einfügen. Wirklich dramatisch wurde unsere Beziehung zum Islam, als der Ostblock zusammenbrach. Die Welt brauchte einen Ersatzfeind. Seitdem gibt es kaum noch, oder gar keine differenzierte öffentliche Auseinandersetzung mehr. 

Bei Allah sei vieles vieldeutig - Allah sei Dank. So das Resümee des anerkannten Arabisten. Alles was heutzutage unter dem Namen des Islam schwerbewaffnet für Unruhe und Elend sorgt, hat mit der Wirklichkeit der Lehre Allahs nichts zu tun. Die Terroristen verstecken sich hinter der Religion, und das gibt ihnen in der ungebildeten Landbevölkerung hohen Zuspruch.  Nur mit diesem können sie ihrer terroristischen Brutalität nachgegen.

Beängstigend ist die Tatsache, dass die Terrorgruppen immer näher an die Grenzen zu unserer aufgeschlossenen Kultur stoßen.

Schönes Wochenende.

Michael