Michael Schultz Daily News Nr. 729

Michael Schultz Daily News Nr. 729

Praia da Falesia, den 24. Juli 2014

Liebe Freunde,

die einen können ihn nicht leiden, so zumindest steht es im  'Baedeker' Portugalführer, und für die anderen ist er wichtigstes portugiesisches Kulturgut. Es geht um den Fado, den Gesang der Städte, dessen Herkunft niemals richtig festgestellt werden konnte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts tauchte er in den Lissabonner Hafenvierteln auf, alles andere was über ihn veröffentlicht ist, fällt in den Bereich der Spekulation.

Das Wort Fado wurde vom lateinischen 'fatum' abgeleitet, übersetzt heißt das Schicksal. Und so handeln auch viele Fado-Lieder von einem nicht abwendbaren Schicksal, von enttäuschter oder unerreichter Liebe, von Abschied, von sozialer Not, von Heimweh oder Fernweh und von Trauer. Besungen werden auch Lissabons zerstörte Pracht und der Verlust von Portugals einstiger Größe.

Zum Einstieg und zum besseren Verständnis bitte klickt auf folgende YouTube Version. In 'Uma casa Portueguesa', gesungen von Amália Rodrigues, der einstigen Königin des Fado. www.youtube.com/watch?v=RU-Z0SiQKgU   
In eher beschwingten Rhythmen wird die vielbeschworene Gastfreundschaft in den Häusern der armen Landbevölkerung besungen.  

Die Lieder beschreiben aber auch das städtische Leben oder erzählen kleine anrüchige oder lebhaft heitere Anekdoten. Der für Nichtportugiesen fast etwas geheimnisvolle und mitunter schwer verständliche und kaum nachvollziehbare Gesang gilt zwar als eine Musik des Volkes, aber dennoch ist er keine für ganz Portugal geltende Volksmusik. Fado ist eher eine städtische Musik, die besonders in Lissabon ('Lisboa nao seja francesa') und in der Universitätsstadt Coimbra ('Fado de Coimbra') zu Hause ist. In der anderen portugiesischen Großstadt Porto hingegen spielt er so gut wie keine Rolle.

Überall im Land hat er seine Gegner. Diese verdammen ihn als sentimentales Gehabe, als wehmütige und melancholische Volksverdummung. Andere hingegen schätzen ihn als Ausdruck portugiesischen Volksempfindens; in ihm kann sich jeder Portugiese wiederfinden. Er besingt ihr eigenes  Schicksal, ihr Scheitern, ihre unerfüllte Liebe und  ihre Sehnsüchte. In ihm finden sie den bittersüßen Ausdruck ihrer Träume, ihrer Wünsche und ihrer Hoffnungen. 

Nie allein ist man im Fado. Er vereint die Einsamen zu einer Leidensgemeinschaft, er lädt ein zu einer Art kollektivem Ritual. Sobald ein Fado erklingt, verstummt augenblicklich jedes Gespräch, die gerade noch laut geführten Unterhaltungen sind im Nu beendet. Der Fado verändert die Gesichtsausdrücke, die Augen schweifen voller Wehmut weit in die Ferne, und die Zuhörer fühlen sich ungeachtet ihrer gesellschaftlichen Stellung aus der Vereinsamung der Masse herausgerissen und für eine kurze Zeit zu einer gemeinschaftlich genossenen Resignation verbunden. 

Genau aus diesem Grund hasste António de Oliveira Salazar, der letzte Diktator des Landes, den Fado voller Inbrunst. Dieser trage zu einer pessimistischen und passiven Lebenshaltung bei, und deshalb versuchte er gegen ihn anzugehen und verbot zweitweise das öffentliche Vortragen der Gesänge. 

Woher der Fado ursprünglich kam, ist bis heute nicht sicher ergründet. Mal wird erzählt, er stamme von der 500 Jahre andauernden maurischen Herrschaft. Troubadoure hätten in dieser Zeit die schwermütige Liebeslyrik der Mauren übernommen und weiterentwickelt. Einer anderen Theorie zu Folge hat sich der Fado aus einem afrikanischen Tanz, aus dem 'Lundum' entwickelt, der durch die Sklaven nach Brasilien kam und von dort ins Land importiert wurde. Es gibt viele Geschichten zum Fado; eine andere behauptet, er stamme wegen seines melancholischen und sehnsüchtigen Charakters von den Seeleuten ab, die die Sehnsucht ihrer Begierde draußen in der Einsamkeit der Meere besungen haben.

Gesichert ist, dass sich der Fado Anfang des 19. Jahrhunderts in Windeseile in den sozial schwächeren Bezirken Lissabons ausbreitete. Er galt lange als zwielichtig und anrüchig. Zunächst war der Fado die Musik der Seeleute, der Zuhälter, der Huren, der Stadtstreicher und Tagelöhner. Gleichsam verband er die Armen mit den Kriminellen und den von der Liebe Verlassenen. 

Im 20. Jahrhundert wurde der Fado durch die Interpretationen von Amália Rodrigues in der Welt bekannt und berühmt. Sie ging mit den Liedern ihrer Heimat in die Welt und begeisterte die Zuhörer in Casablanca, Rio, Rom, Berlin; sie sang in der damaligen UdSSR, in Schweden, in der Türkei, in Afrika - bis hin nach Japan. Sie brachte den Fado auf die Weltbühne. Als sie 1999 starb, trauerte ganz Portugal. Ihre Beisetzung glich einem Staatsbegräbnis. Als erste Frau bekam sie im National-Pantheon ein eigenes Grabmal.

Heute lebt der Fado in der Interpretation jüngerer Sängerinnen auf. Die bekanntesten von ihnen sind Misia und Mariza, die in jeweils sehr individueller Eigenart die Musik vortragen. Es gibt ihn auch in der Jazz-Version von Maria Joao; an die Kultversionen von Amália allerdings (wie sie im Volksmund genannt wird) reicht die Kraft der heutigen Interpretationen bei weitem nicht heran. Weise und bestimmend klingt ihre Stimme allerorts aus  den Lautsprechern. Die Königin des Fado ist allgegenwärtig.

Auf YouTube findet man viele ihre bewegten Lieder. Im 'Fado Portugues' vereint sie die vielbeschworene Gefühlswelt einer ganzen Nation.  http://www.youtube.com/watch?v=1YriVM8sC7M

Viel Spaß beim Zuhören.

Michael