Michael Schultz Daily News Nr. 727

Michael Schultz Daily News Nr. 727

Praia da Falesia, den 22. Juli 2014

Liebe Freunde,

aufregend waren die letzten Tage der vergangenen Woche schon. Nicht nur in den weltweit zerstreuten Konfliktregionen; auch bei uns. Deutschland litt unter der extremen Hitze, mit deren Folgen besonders ältere Menschen schwer zu kämpfen hatten. Nicht auszuschließen, dass Otto Pienes plötzlicher Herzschlagtod im Taxi ursächlich mit den extremen Temperaturen zusammenhängt. Den Aufstieg seiner Luftskulpturen konnte er leider nicht mehr erleben; 'Bild' titelte gestern mit einer bemerkenswerten Äußerung des Künstlers: 'Ich muss gestehen, dass ich in meiner Arbeit immer dann am glücklichsten war, wenn sie eine überraschende Wende nahm'.  Worte, die angesichts seines überraschenden Ablebens trostreich für die Trauer seiner großen Fangemeinde sind. Otto Piene, so scheint es zumindest, war auf sein Ableben besser vorbereitet als die Vielzahl seiner Anhänger.  Etwas mehr als 5.000 Besucher kamen am vergangen Samstag zur Berliner Nationalgalerie und verfolgten den Aufstieg seiner Sterne. Angesichts des Todes war dies auch ein Akt der stillen Andacht.

Etwas früher in der vergangen Woche, am Mittwoch den 16. Juli, lud die Kanzlerin zu ihrem 60igsten. Für unsere Nachbarn war dies Anlass genug, einen ausführlichen Blick auf unser Land zu richten.  Zusammengefasst hatte diesen die Sonntagsausgabe der 'FAZ'; den Blattmachern war die Meinung der Kollegen immerhin so bedeutungsvoll, dass auch sie die Zusammenfassung gut positioniert auf ihrem Titel platzierte.

Der Weltmeistertitel, den die Kanzlertruppe aus Brasilien mitgebracht hatte, wurde von den 27 anderen europäischen Staats- und Regierungschefs zum Anlass genommen, ein Spielertrikot mit dem Namen 'Merkel' mit ihren Unterschriften zu versehen. Eine Geste der Freundschaft, die so manchen noch nicht  ausgestandenen Zwist kurzeitig vergessen lässt. Überhaupt, die eigentliche Gewinnerin der WM war Angela Merkel. Ihre authentische Begeisterung beim finalen Torschuss von Mario Götze wird uns noch lange in Erinnerung bleiben; erstmals in ihrer langen Kanzlerschaft hatte sie Emotionen gezeigt. Damit hat sie so manchen Zauderer in die Heerschar ihrer Fans gespült.

Nach dem 7:1 über Brasilien war man besonders in England begeistert, schreibt die 'FAZ'. Der 'Daily Mirror' bejubelte ganz Deutschland. Dort werden die Angelegenheiten 'viel besser als beim Rest von uns geregelt', besonders in der Wirtschaft. Die Deutschen sind dynamisch, diszipliniert und klug, heißt es weiter. die 'Daily Mail' schrieb sogar, dass die deutschen Nationalspieler keine sichtbaren 'Idioten-Tätowierungen' hätten; die Gene der Deutschen seien einfach genial. Der 'Telegraph' geht etwas weiter in die Tiefe und listet elf Gründe auf, Deutschland zu besuchen: Bier, Autos, Fußball, Brot, Berge, Bauwerke (Neuschwanstein), klassische Musik, Weihnachtsmärkte, Nord- und Ostseestrände, die Berliner Szene und unseren Humor. Der 'Mirror' lobte die Siegesfeier am Brandenburger Tor als anarchistisch, surreal und cool.

Die Schweizer 'Weltwoche' nannte 'Methodik' als das zentrale Wesensmerkmal der Deutschen. Der Fußball sei ein Spiegelbild gesellschaftlicher Veränderungen. Daraus könne man schließen, dass Deutschland gerade ganz gut funktioniert. Dies könne man auch an den Wirtschaftszahlen ablesen und aus der Tatsache, dass Angela Merkel so wahnsinnig beliebt ist. Darauf wies im Besonderen die englische Presse in ihren Geburtstagsartikeln der vergangenen Woche hin.

In Frankreich veröffentlichte die 'Libération' einen Tag nach dem WM-Endspiel einen Bericht über Deutschland, und versah diesen mit der Überschrift: 'Mein liebes Deutschland, ich bin neidisch....'. In dem Artikel rief der Autor dazu auf, angesichts der neuen deutschen Tugenden, die auch jenseits des Fußballplatzes sichtbar sind, den Ersten und Zweiten Weltkrieg vergessen zu machen. Das ist zwar ein bisschen viel verlangt, die Franzosen aber wollen Teil unserer Leidenschaft werden, und das ist wirklich was Neues.

Nicht nur der Kanzlerin hat der WM-Sieg neue Freunde beschert, das ganze Land wurde damit aufgewertet. Die Teilhabe mit den Siegern ist halt doch weitaus beliebter als das Trauern mit den Verlierern. Doch das wussten wir auch schon vor der WM.  

Im Konflikt zwischen Israel und der Hamas allerdings stellt uns die Bilderflut verletzter und getöteter palästinensischer Kinder auf eine Bewährungsprobe. Den Weg mit den israelischen Siegern will angesichts der Brutalität des Krieges kaum noch jemand mitgehen. Bei uns im Land, aber nicht nur da, überall auf der Welt wird gegen diesen sinnlosen Krieg protestiert.  Der Zentralrat der Juden kritisiert den Antisemitismus auf den Demos. Dort gebe es eine "Explosion an bösem und gewaltbereiten Judenhass, die uns alle schockiert und bestürzt", sagte deren Präsident Dieter Graumann. Die 'Linke' hatte mehrere Demonstrationen gegen den israelischen Militäreinsatz unterstützt. Wegen der dort aufkommenden antisemitischen Hassparolen, aber auch wegen gewalttätigen Auseinandersetzungen, hat sich die Protestpartei von ihrem Engagement distanziert.

Im kriegerischen Konflikt wollen die Israelis verhindern, dass am Krieg beteiligte Soldaten von der Hamas gefangenen genommen werden können. Dabei kommt die 'Hannibal-Direktive' zum Einsatz. Diese besagt, dass eher der Tod eines Soldaten in Kauf genommen werden soll, als dessen Entführung. Damit soll verhindert werden, dass die Hamas die Gefangenen als Druckmittel zur Häftlingsfreilassung nutzt. 2006 wurden im Tausch gegen einen fünf Jahre festgehaltenen Soldaten 1027 palästinensische Häftlinge freigelassen.

Nach einem Machtwort von Wladimir Putin haben die Rebellen die Flugschreiber des abgeschossenen Passagierflugzeugs MH 17 an malaysische Experten übergeben. Auch die Freigabe der Toten ist nun endlich vollbracht. Der Zug mit den Opfern durfte die Rebellenzone verlassen und befindet sich auf dem Weg in ein vom Krieg nicht betroffenes ukrainisches Gebiet. Dort sollen internationale Experten die rund 280 Leichen untersuchen. Der UN-Sicherheitsrat fordert alle Akteure zur Kooperation auf, außerdem freien Zugang zum Absturzort und eine Feuerpause. Die Verantwortlichen sollen zur Rechenschaft gezogen werden, das verlangt auch Putin. Unterdessen verweigern einige südamerikanische Fußballstars von Schachtjor Donezk und Metalist Charkiw die Rückkehr in die Ukraine.

Im Südwesten unserer Republik kämpfte ein Edelbordell um Steuervergünstigung: es ging um die steuerliche Freistellung für die Beihilfe zur Selbsterfahrung bei der Tantra Massage.  Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg jedoch stufte Tantra Massagen als sexuelles Vergnügen ein - damit sind sie steuerpflichtig. Eine Inhaberin eines Tantra-Studios wollte durchdrücken, dass bei der Massage das ganzheitliche Wohlbefinden und eine ganzheitliche Selbsterfahrung im Vordergrund stehen. Die Gerichte sehen eher "eine Zerstreuung und Entspannung mit erotischem Bezug".

Dem Modezar Harald Glööckler ist Schlimmes wiederfahren. In Berlin wurde der arme von einem Schäferhund attackiert und in den Popo gebissen. Da half nur noch eine schnellverpasste Tetanusspritze. Es geht ihm schon besser - aber entsetzt ist er immer noch. Zu hoffen bleibt, dass die traumatische Begegnung mit dem Hund keine Spätfolgen hinterlässt.

Schöne Grüße aus der Sommerfrische.

Michael

 

 

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