Michael Schultz Daily News Nr. 726

Michael Schultz Daily News Nr. 726

Praia da Falésia, den 21. Juli 2014
 
Liebe Freunde,
 
die schweren Wetter der vergangenen Tage haben vielen von uns ganz schön zugesetzt. Die Temperaturen gingen zweitweise bis knapp an die 37 Grad Grenze. Doch Gott sei Dank zogen gestern von Südwesten her gewittergeschwängerte Luftmassen in unsere Gefilde, die zwar starke Unwetter mit sich brachten aber auch eine deutliche Abkühlung. Bis zu 15 Grad gingen die Messungen nach unten, im Schwarzwald soll es heute den ganzen Tag stark regnen, vereinzelt wird noch mit Gewittern gerechnet. Für die Berliner und die Gegend Drumherum ändert sich zunächst nicht viel, die Vorhersagen prophezeien einen wunderschönen Sonnentag mit hochsommerlichen Temperaturen. Wer sich also in unserem Land nach Wärme und sonne sehnt, sollte sich in die Osthälfte begeben; die derer überdrüssig sind und eher das Gegenteil wünschen, empfiehlt der Wetterdienst den Süden. Mit der Bahn dauert die Reise in die jeweils gewünschte Wetterzone gerade mal 3 bis 4 Stunden, ein schneller Wechsel also wäre jederzeit möglich. Bei den heutzutage punktgenauen Wettervorhersagen könnte sogar geplant werden.
 
Doch wer tut das schon. Nur diejenigen unter uns, die neben ihren Heimatstammsitzen noch Häuser in den Bergen und am Meer haben, können dem Wetter entfliehen. Allen anderen, und das sind ganz viele von uns, haben diese Möglichkeit nicht. Also was tun wir, wir planen etwas länger, reisen an die Orte unseres Begehrens zu den Wettern unserer Zufriedenheit. Temperaturtabellen helfen uns bei der Auswahl, ein bisschen weiter weg soll es auch sein, und damit die Vorfreude lange anhält, wird früh gebucht.
 
Dort angekommen, stöhnen wir nur noch am ersten Tag über das Wetter; auch alles andere ist fein, das Fremde erscheint uns auf einmal so nah. Unwegsamkeiten, die eine Urlaubsreise so mit sich bringen, nehmen wir hin und wundern uns nicht mal darüber. Ganz schnell passen wir unseren Rhythmus dem Ablauf der Behausung an: Frühstück gibt es zwischen 8 und 10.30 Uhr; weder was für Frühaufsteher noch was für Langschläfer. Mittelmaß ist gefordert, auch bei den Öffnungszeiten des Schwimmbades, der Gymnastikabteilung und bei den Zeiten zum Abendessen. Wer vorher oder später seine Dinge verrichten will, geht entweder hungrig in den Tag oder mit leerem Magen ins Bett.
 
Die meisten von uns Ertragen die Regeln, weil sie es im Alltag nicht anders gewöhnt sind. In der Fülle des Mittelmaßes bewegen wir uns sicher, dort fühlen wir uns wohl. Lediglich die ersten Stunden unseres Wegseins geben uns das kurze Gefühl dieser entrückt zu sein. Wir fühlen uns frei, unser Selbstbewusstsein erreicht bis dahin unbekannte Höhen, mit großer Lässigkeit sind wir mit allem zufrieden, was uns die Gasthäuser beim Ankommen offerieren.
 
Erst dann, wenn sich die Feinjustierung in unserem Mittelmaß verändert, lässt die Götterdämmerung nicht lange auf sich warten. Dabei geht es um die Kochzeit der Frühstückseier, um die Wassertemperatur im Swimmingpool, um den Zustand der Sonnenstühle, um die Reifen des Leihwagens, um die Steckdosen im Hotelzimmer; letztlich um alles, was so eine Urlaubsreise mit sich bringt.
 
Doch auch das Mittelmaß kennt seine Spielräume, und wenn diese eingeengt werden, dann werden wir zu Tieren. Wir schimpfen und lästern was das Zeug hält, sind mit nichts zufrieden, auch nicht zu beruhigen. Die Machtkämpfe im Mittelmaß haben es ins sich, schnell verlieren wir die Contenance, der Blutdruck steigt, die Wortwahl wird deftig, am Ende beschimpfen wir unsere Gastgeber in unserer Heimatsprache. Dabei geht es dann richtig zur Sache.
 
Anstatt unseren Urlaub und die Ferne zu genießen, tun wir dort gerne das, was uns zu Hause verwehrt bleibt: wir triezen und treten und geben weiter, was wir uns in unserem Leben tagaus, tagein und ohne Widerworte über uns ergehen lassen. Wir verwandeln uns in unsere Vorgesetzten und benehmen uns noch schlimmer als diese. Endlich sind wir dort angekommen, wohin wir schon lange wollten. Vierzehntage auf Pauschalreise reicht den meisten unter uns, um den Frust des ganzen Jahres abzulassen.
 
Nur die ersten Urlaubsstunden sind erholsam. Der Rest macht uns zwar Spaß, aber weiterbringen tut es uns letztlich nicht. Wir sind Gewohnheitstiere, und wenn man uns aus dem Gatter entlässt, tun wir anderen genau das an, was uns da drinnen so weh tut.
 
Es wird Zeit zum Nachdenken.

In diesem Sinne Grüße aus meinem ganz spontan geplanten Urlaub in Portugal. Dabei hoffe ich auf viele tiefenspannte und lässige Sonnentage.

Wünsche Euch einen schönen Sommer.

Morgen wieder mehr.

Michael.