Michael Schultz Daily News Nr. 713

Michael Schultz Daily News Nr. 713

 

Shenzen, den 2. Juli 2014

Liebe Freunde,

es ist noch gar nicht so lange her, da war eine Reise nach China ein mit Überraschungen voll bepacktes  Abenteuer. Ein Trip in die Vergangenheit, in eine unbekannte Zivilisation. Heutzutage bieten schon die Reisemittel höchsten Komfort, ob mit dem Flugzeug, der Bahn oder mit dem Schiff: China hat den Tourismus entdeckt und überbietet im Service so manch alteingeführte asiatische Touristikdestination. Wie in fast allen Bereichen des Wirtschaftslebens befindet sich das Land auch im Dienstleistungsbereich auf der Überholspur. Geboten wird was das Herz begehrt, die unmöglichsten Wünsche werden anstandslos erledigt, und zum Service bekommt man ein erfrischendes Lächeln gratis hinzu. Der Dienst am Kunden hat allerhöchste Priorität, dessen Unzufriedenheit ist das Schlimmste was passieren kann. Und die hingabevolle Zuwendung ist authentisch. Keine aufgesetzte Freundlichkeit, alles kommt von Herzen; manchmal entstehen durch Verständigungsschwierigkeiten leichte Unsicherheiten, diese aber werden mit zuvorkommender Höflichkeit überspielt.

Ganz im Süden Chinas, in unmittelbarer Nähe zu Hongkong, liegt Shenzen. Im Jahre 1979 lebten dort gerade mal etwas mehr als 30.000 Einwohner, heute sind es weit mehr als 10 Millionen. Die Entwicklung der Stadt wurde am Reißbrett geplant, entstanden ist eine moderne Metropole, der man ihre Geschichtslosigkeit kaum ansieht. Sie wächst im selben Tempo wie Shanghai und ist heute die Stadt mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen Chinas. Aufgrund ihres Status als Sonderwirtschaftszone ist Shenzen eine der bedeutendsten Städte für ausländische Investitionen in China. Tragsäule der lokalen Wirtschaft ist die Elektronik- und Telekommunikationsindustrie. Unvergessen sind die dort stattgefundenen Proteste für bessere Arbeitsbedingungen in den Fertigungshallen für Apple und andere amerikanische Großunternehmen. In regelmäßigen Abständen stürzten sich Arbeiter von den Dächern der Fabriken. Erst nachdem die Regierung eingegriffen hatte, haben sich die Bedingungen verbessert und die Proteste sind verebbt. 

Ursprünglich lag die Stadt in einem hügeligen Gebiet mit fruchtbarem Ackerland. Nach der Einführung der Sonderwirtschaftszone kam es zu tiefgreifenden Veränderungen der Landschaft: das am Hügel liegende Fischerdorf wurde größtenteils planiert und insgesamt etwas angehoben. Durch den Bauboom wurde auch das Gebiet um die Mission Hills zur Nutzbarkeit teilweise eingeebnet. Dort befindet sich heute eines der weltweit gepflegtesten und anspruchsvollsten Golfresorts.

Vom Flugzeug aus gut zu sehen sind die weitverzweigten Wasserläufe des Perlfluss-Deltas. Das vom Perlstrom durchflossene 177 Kilometer lange Gebiet gilt als eine der aktivsten Wirtschaftszonen Chinas. Die Städte Guangzhou, Foshan, Shenzen, Hongkong und Macao bilden eine fast durchgängige Wasserstadtlandschaft mit enormer industrieller Konzentration. Seine Wasserarme sind im Mündungsbereich zum Südchinesischen Meer hin bis zu 30 Kilometer breit, und die drei Flussdeltas bilden ein vielarmiges Geflecht von Wasserläufen.

In der aus der Retorte entstandenen Millionenmetropole findet man in allen Ecken unverkennbare Hinweise auf die vielschichtige Tradition des Landes, und das macht Shenzen mit seinen über dreißig zwischen 200 und 442 Meter hohen Wolkenkratzern so erlebenswert. Im Inneren dieser Türme findet man das alte China: Restaurants ohne Bestuhlung - man isst auf dem Boden; Nailstudios im 28. Stock, in denen die Fußnägel mit einem scharfen Messer gecuttet werden, und Massagestudios und Dampfbäder oberhalb der Wolkengrenze.  Bei allem Hang zur Modernität lieben die Chinesen ihre Vergangenheit und leben in ihrem neugewonnenen Luxus voll von Tradition. Im Inneren ihres Denkens verändert sich wenig - nach außen hin sehr viel. Nur 50 Kilometer entfernt von hier befindet man sich in einer anderen Welt. In den Dörfern am oberen Lauf des Deltas bewirtschaften die Bauern ihre Reisfelder mit der Technik des vergangenen Jahrhunderts. Glücklich und mit sich zufrieden.

Nicht weit vom Shenzen entfernt liegt das Künstlerdorf Dafen. Dort befindet sich die weltweit größte Kopierwerkstatt für Ölgemälde. Global aufgestellte Hotelketten gehören zu den besten Kunden, aber auch so mach Kleinbetrüger lässt dort anfertigen und hofft auf den großen Reibach. Alles Mögliche wird in China bedenkenlos kopiert; darauf angesprochen wird völlig selbstbewusst darauf hingewiesen, dass es Chinas Gelehrte waren, die die Welt in den vergangen Jahrtausenden mit Erfindungen übersäten, die größtenteils von der westlichen Welt kopiert wurden. Heute hole man sich zurück, was einem ohnehin gehört. 

Nichts Gutes gibt aus unserer Welt zu berichten: Frankreichs Ex-Staatschef Sarkozy sitzt wegen Bestechung in Polizeigewahrsam. Am Dienstag morgen wurde er verhaftet und wird am Sitz des 'Zentralbüros für den Kampf gegen Korruption, Finanz- und Steuervergehen' festgehalten und verhört. Sarkozy steht unter Verdacht, sich über seinen Verteidiger Hinweise zu einem gegen ihn laufenden Prozess verschafft zu haben. Als Gegenleistung soll er versprochen haben, die Karriere seines Informanten zu befördern. Der zentrale Vorwurf lautet, dass die Präsidentschaftskampagne 2007  illegal finanziert worden sei. Die Polizei kann ihn höchstens 48 Stunden lang festgehalten, sollte Verdunklungsgefahr ins Spiel kommen, kann ein Haftrichter dessen Unterbringung in Untersuchungshaft anordnen. Für die äußerste Rechte um Marine Le Pen ist dieser Skandal eine willkommene Affäre; vermehrt werden sich ihr nun die gemäßigten Rechten zuwenden.

Der russische Präsident Putin will sein Volk erziehen und verbietet per Gesetz vulgäre Ausdrücke. Wer Mutterwitze oder Flüche in Medien, Filmen, im Theater oder in der Kunst in Russland verbreitet, dem droht eine Geldstrafe bis zu umgerechnet 1065 Euro. Mit dem Gesetz kommt die russische Regierung Konservativen entgegen, die ein Vorgehen gegen westliche Einflüsse gefordert hatten. Präsident Putin selbst hatte die Stärkung traditioneller Werte mehrfach betont.

Bei der WM gab es gestern keine großen Überraschungen. Die Schweizer haben tapfer gegen Argentinien gekämpft und in der Verlängerung leider mit 0:1 verloren. Schade. Auch die US-Truppe von Jürgen Klinsmann muss nach Hause fahren: in einem aufregenden und spannenden Spiel verloren sie ebenfalls in der Verlängerung mit 1:2 gegen die Überraschungsmannschaft aus Belgien. Im Viertelfinale kommt es nun zu folgenden Begegnungen: Frankreich - Deutschland (Freitag 18 Uhr); Brasilien - Kolumbien (Freitag 22 Uhr); Argentinien - Belgien (Samstag 18 Uhr) und Niederlande - Costa Rica am Samstag um 22 Uhr. Gut möglich, dass am Ende der Begegnungen nur noch eine europäische Mannschaft im Wettbewerb ist.

Wünsche viel Spaß für die Vorfreude und sende beste Grüße aus der Ferne.

Michael 

 

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