Michael Schultz Daily News Nr. 711

Michael Schultz Daily News Nr. 711

Seoul, den 30. Juni 2014
 
Liebe Freunde,
 
seit gestern zelebrieren die Muslime unter uns den Ramadan. Mitten im Sommer ist das besonders hart, weil die Fastentage extrem lang sind. Rund 19 Stunden täglich müssen die Gläubigen auf Sex, Wasser und Essen, aber auch auf Zigaretten und vieles andere verzichten. Nach dem Glaubensgesetz wird Fasten als Enthaltung von bestimmten Tätigkeiten definiert, es soll aber auch unbedingt vermieden werden, schlechtes Zeugnis wider seinen Nächsten abzugeben. Dazu gehören üble Nachrede, Verleumdung, Lügen und Beleidigungen aller Art.
 
In fast jeder Kultur gibt es Fastenzeiten, die leider im Laufe der Zeit viel von seiner Ursprünglichkeit verloren haben. Einst hatten sie den Zweck, Zeiten der Not nachzuahmen, die vor der Verbreitung strukturierter Landwirtschaft immer wieder drohten. Die nächtlichen Essorgien im Ramadan allerdings haben rein gar nichts mit der Urform des Fastens zu tun. Aber auch in unserer christlichen Kultur hat sich die Fastenzeit bereits so weit verändert, dass kaum noch jemand die Ursprünge kennt.
 
Die Fastenzeit vor Ostern gilt im eigentlichen Sinne der Buße. Der freiwillige Verzicht ist eine Art der Wiedergutmachung für begangene Sünden. Die Gläubigen ersuchen die Nähe Gottes und erhoffen sie durch Buße zu erreichen. Die Zeitspanne von 40 Tagen, die zwischen Aschermittwoch und Ostern gefastet werden sollte, bezieht sich auf die biblisch überlieferte Enthaltsamkeit von Jesus in der Wüste. Wer sich jedoch keiner Schuld bewusst ist, hat während der vorgelagerten Karnevalszeit ausreichend Möglichkeiten, diese auf sich zu laden. Schon bei oberflächlicher Betrachtung fällt auf, dass der ganze Zirkus in sich sehr unstimmig ist. Vermutlich bevorzugen wir Menschen spirituell- religiöse Grundlagen, um unserer Gesundheit Gutes zu tun.
 
Fasten soll der Reinigung und Entschlackung des Körpers dienen. Beim nicht religiös motivierten Heilfasten z.B. wird komplett auf feste Nahrung verzichtet; vierundzwanzig Stunden am Tag. Ob allerdings diese radikale Form des Verzichts wirklich gesundheitsfördernd ist, ist unter Experten umstritten. Die abgeschwächten Formen des Fastens, wie beispielsweise Obst- oder Saftkuren, aber auch das sogenannte Basenfasten, bei dem der Körper durch Verzicht bestimmter Nahrungsmittel gereinigt wird, gelten unter Nahrungsexperten als die schonenderen und langfristig nachhaltigeren Methoden.
 
Aus welchen Gründen auch immer man fastet: Wer es nicht übertreibt, erlebt eine positive Auswirkung auf den Körper und entmüllt so nebenbei auch noch den Kopf. Kontrolle über den eigenen Körper zu bekommen, darauf kommt es an, und wer dies für kurze Zeit schafft, erlebt eine wundervolle Erleuchtung. Die ganz Strebsamen unter uns schaffen abseits von Körper und Geist ein fast autarkes und selbstbewusstes drittes Ich. Ein Status, der sonst nur kurz vorm Ableben erreicht wird. Man kennt diese Typen, das sind die, die mit ihrem Nerv tötenden Dauergrinsen ihrer Seligkeit entgegen streben.
 
Doch zurück zum Ramadan: Wie jede Regel im Koran hat auch diese seine Ausnahmen. Schwangere, Kranke, Pubertierende und Reisende sind von der Pflicht entbunden; allerdings müssen (bis auf die Kinder) alle Verhinderten den Fastenmonat nachholen. Die Statistiken sagen, dass viele Schwangere trotzdem fasten und für sich und ihre ungeborenen Kinder schwere gesundheitliche Schäden in Kauf nehmen. Die Schwangerschaft wird verkürzt, und körperliche und geistige Schäden bei den Kindern sind viel wahrscheinlicher.
 
Im fortgeschrittenen Alter, so sagt man, übernimmt das Essen Funktionen der Sexualität. Ob das allerdings der Realität entspricht, darf schwer angezweifelt werden. Sicherlich bekommen kulinarische Rauschmittel eine immer höhere Bedeutung, unter Genießern aber gibt es nichts Schöneres, als sich nach einem guten Mahl zu vereinigen. Sowohl in der Literatur als auch im wirklichen Leben ist die präkulinarische Kopulation weit verbreitet. Warum also tun wir uns so schwer damit, die Dinge so zu benennen, wie sie sind? Vielleicht, weil in unserer Kultur so vieles unter der Bettdecke stattfindet.
 
Dies soll nun kein Plädoyer gegen die von uns so behütete Intimität werden - ganz und gar nicht. Jetzt, wo der Sommer endlich die männlichen Stammzellen mit Energie versorgt, vielleicht ein kleiner Hinweis mal wieder im Freien zu tafeln und sich anschließend im Auge des Herrn auf einer Bergwiese zu vereinen. Nichts für religiös orientierte Puritaner - die Kreativen unter uns aber schätzen die ungezwungene Freiheit.
 
Sex und Essen sind die großen Themen in der Literatur. Dem Vorspiel werden ganze Kapitel gewidmet. Köche werden zu wahren Künstlern, und dem Geschlechtsverkehr wird ritualer Kult bescheinigt. Die Themen liegen auf der Hand, breit gefächert werden sie über die bunten Blätter bis in die entferntesten Winkel unserer Gesellschaft verbreitet. Es geht um Kasslerbraten, Erbsensuppe und Currywurst - aber auch um Seeteufelragout, Kalbsbäckchen und Auberginensoufflé. Für jede Zielgruppe das Richtige.
 
Die 'Zeit' untersuchte unlängst das Essverhalten der Deutschen. Die Ergebnisse sind meilenweit von Sinnlichkeit und Genuss entfernt: Wir bevorzugen den Discounter, kaufen mindestens einmal wöchentlich an der Tanke, orientieren uns bei der Kaufentscheidung an Test- und Gütesiegeln, lesen gerne Kleingedrucktes, achten beim Kauf auf Sonderangebote, und 10% versorgen sich aus dem Netz. Tatsachen, die uns zurückwerfen: Tatsächlich ist das Essen für die meisten unter uns der Sex des Alters. Hauptsache preiswert, viel und schnell auf dem Tisch.
 
Die Kulinarier jedoch lassen sich nicht verwirren. Nur Gutes kommt auf den Tisch, für die Zubereitung lässt man sich Zeit, und der Nachtisch zergeht genussvoll unter der Zunge. Dass Einfaches auch sinnlich zubereitet werden kann und zum wahren Gaumenschmaus wird, zeigt folgende Abbildung:

Kalbskotelett mit frischem Beluga und Rosmarinkartoffeln. Das Gericht dieses Sommers. Kreiert im Ristorante San Giorgio, Mommsenstraße 36, 10629 Berlin. Nur auf Bestellung. (+4930 323 1697)

Guter Fußball wurde am Wochenende auch gespielt. Brasilien gewann in einem dramatischen Match im Elfmeterschießen gegen Chile. Die Cocabauern aus Kolumbien bissen Uruguay aus dem Turnier. Holland gewann glücklich mit 2:1 gegen Mexiko, und in einem spannenden Kampf haben die Costa Ricaner die Griechen im Elfmeterschießen mit 6:5 aus dem Wettbewerb geschossen. Heute sind wir wieder dran. Es geht gegen Algerien. Obacht.
 
Beste Grüße aus der Hitze Koreas.

Michael
 

 

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