Michael Schultz Daily News Nr. 700

Michael Schultz Daily News Nr. 700

Istanbul, den 13. Juni 2014

Liebe Freunde,

die Fußballweltmeisterschaft ist eröffnet, erwartungsgemäß hat der Gastgeber Brasilien sein Match gegen die Kroaten mit 3:1gewonnen, allerdings mit aktiver Unterstützung des japanischen Schiedsrichters. Hätte ein Engländer die Begegnung gepfiffen, wäre es anders ausgegangen. Ein schönes Spiel war es nicht, aber das haben solche Turniere so an sich. Phasenweise ließen die Brasilianer erkennen, wozu sie in der Lage sind, ob das allerdings bis ins Endspiel reicht, bleibt zu bezweifeln. Am Montag wird's erst richtig spannend, dann trifft Deutschland auf Portugal. Ein schweres Spiel, bei dem der Verlierer gleich große Mühe zum Erreichen des Achtelfinales bekommen kann.

In Istanbul werden heute die Weichen für kommende Ausstellungen gestellt. Es geht um die Solopräsentation von Bernd Kirschner und Andy Denzler; beide Künstler werden im Umfeld der Contemporary Istanbul (12. bis 16. November) in der Bosporus-Metropole mit Einzelausstellungen erstmals zu sehen sein.

Die politische Situation in der Türkei hat sich in jüngster Vergangenheit erheblich verändert. Ministerpräsident Erdogan buhlt um sein politisches Überleben, und dafür sind ihm alle Mittel recht. Zuspruch bekommt er von großen Teilen der Landbevölkerung; die dort tief verankerten Religionsführer stützen ihn.  Im Gegenzug verordnet Erdogan dem ganzen Land Einschränkungen wie beispielsweise beim Verzehr von Alkohol, aber auch das Tragen der Burka wurde per Präsidialdekret angeordnet. Mit seiner unkalkulierbaren Tagespolitik steht der Ministerpräsident einer dringend erforderlichen gesellschaftlichen und kulturellen Erneuerung, sprich Bildung, Aufklärung und wirtschaftlicher Weiterentwicklung, deutlich im Wege. Vor einem Istanbuler Gericht hat jetzt gerade der sogenannte Gezi-Prozeß begonnen. Die Staatsanwaltschaft will die Angeklagten für lange Zeit hinter Gitter sperren. Sie wirft ihnen im Zusammenhang mit mit den Protesten über die Teilbebauung des Gezi-Parks die Bildung einer kriminellen Vereinigung vor. Vor gut einem Jahr wurden die anfangs friedlichen Demonstrationen mit äußerster Brutalität von der Polizei bekämpft. Dies führte zu landesweiten Protesten, die Türkei stand kurz vor einem Bürgerkrieg. Der Staat verlangt nun nach Rache, für Erdogan  das alleinige Mittel persönlicher Genugtuung.

An seiner Nordostflanke wird nun das Land auch von außen bedroht. Die im Irak aktive ISIS kämpft um die Einrichtung eines sunnitischen Gottesstaates, der von der arabischen Welt bis ans Mittelmeer reichen soll. Augenblicklich sind die Gotteskrieger dabei, den Nordosten des Irak unter ihre Kontrolle zu bringen; folgen sollen Syrien und die Türkei. Im ersten Stepp erwägt US-Präsident Obama die Terrorgruppe in einem Drohnenkrieg zu zerstören. Eine erste große Flüchtlingsbewegung treibt die Menschen aus dem Land. Noch immer befinden sich die Mitarbeiter einer türkischen Botschaftseinrichtung in der Hand der gottesarme. Sollte diesen 'auch nur ein Haar gekrümmt werden', so der türkische Außenminister, 'werden wir mit aller Härte dagegen vorgehen.' Die Lage in der gesamten Region ist äußerst angespannt.

In der Europäischen Union (EU), so entschied gestern der Oberste Gerichtshof in einem richtungsweisenden Urteil, sind auch Resturlaubsansprüche verstorbener vererbbar und Teil der Erbmasse. Verklagt wurde ein Arbeitgeber aus Nordrhein Westfalen, der sich weigerte, die noch ausstehenden 140 Urlaubstage eines Verstorbenen, ehemaligen Mitarbeiters an seine Witwe auszubezahlen. 'Der Urlaub sei ein besonders bedeutender Grundsatz des Sozialrechts', entschied das Gericht, und müsse auch im Falle des Ablebens an die Erben vergütet werden.

Der skandalgeschüttelte neue Berliner Flughafen bleibt für alle Ewigkeit ein unwirtschaftliches Projekt. Dies wird aus einer jetzt veröffentlichten Chemnitzer Studie deutlich. Die hohe Investitionssumme von annähernd 5 Milliarden Euro kann auch auf Dauer nicht wieder eingespielt werden. Das Großprojekt ist finanziell aus dem Ruder geraten und es gibt keine Möglichkeit zur Amortisierung der Entstehungskosten, so die Finanzprüfer. Geht es nach dem Willen der alteingesessenen West-Berliner, reicht der Flughafen in Tegel ohnehin völlig aus.  

Morgen eröffnen wir um 19 Uhr die Ausstellungen von Jean-Yves Klein und Shay Kun. Beiden Künstlern bieten wir erstmals die Möglichkeit, ihre Werke in unseren Galerieräumen auszustellen.

Der Kontakt zu dem in Berlin lebenden und arbeitenden Maler und Bildhauer Jean-Yves Klein besteht seit langer Zeit.  Immer mal wieder sind wir zusammengekommen und haben über mögliche Ausstellungsprojekte diskutiert; dass dies jetzt endlich realisiert wurde, ist ein Segen Gottes. Erstmals sind die von ihm mit einem Bleimantel überzogenen Lindenholz-Skulpturen zu sehen. Diese orientieren sich an der Götter- und Sagenwelt der griechischen Mythologie - an Athene, Pandora, Persephone und Aphrodite; seine skulpturalen Heldinnen. Im Spannungsfeld zwischen Antike und Realität entstanden, sind sie seine Weiterbeschäftigung und Auseinandersetzung mit dem weiblichen Akt. Behutsam und mit größter Vorsicht nähert er sich der Abstraktion. Die Materialität des bearbeiteten Bleimantels verleiht den antiken Göttinnen die Aura morbider Ewigkeit.

 

Blick in die Ausstellung, versammelte 'MYTHEN' von Jean-Yves Klein. 

In der 'contemporary' Galerie hingegen wird pure Malerei zelebriert; Shay Kun, dessen Arbeiten uns erstmals in New York begegnet sind, geht in zwei eigens für die Ausstellung entstandenen Gemäldeserien der Frage nach der Diskrepanz zwischen Natürlichem und Künstlichem nach. Die Erforschung des  Verhältnisses zwischen Wissen und Zeit ist ein weiterer Aspekt seiner Arbeit. Seine Abbildungen von Heißluftballons erzählen von verschüttetem Wissen und geistigen Perspektiven, die die Menschheit einnehmen kann, um ein erweitertes Bild ihrer Umgebung zu erhalten; doch es scheint keine absoluten Antworten oder Wahrheiten zur Philosophie und Gestalt unserer Welt zu geben. Auch gibt es für ihn keine Mode der Einsichten: die menschliche Erinnerung und Erkenntnisfähigkeit werden von der Kunst transformiert. Je nach Zeitpunkt, Relevanz und vergleichbaren Inhalten.

 

Shay Kun / schultz contemporary. Die Bilder der Erhebung. Eröffnung morgen um 19 Uhr. 

 

Doch nicht nur in Berlin ist der Kunstkalender prall gefüllt: in London hat die Performance-Künstlerin Marina Abramovic ihre Aktion '512 Hours' gestartet. Bereits vor Beginn bildeten sich lange Schlangen vor den Ausstellungsräumen der Serpentine Gallery.  Bis zum 25. August will die Künstlerin an sechs Tagen pro Woche und acht Stunden am Tag in der Galerie anwesend sein und dort mit den Besuchern in Kontakt treten. Für diese Aktion hat sie weder ein Konzept noch ein Script: ihr zentrales Material ist die Öffentlichkeit. Abramovic ist für ihre extremen Performances bekannt; 2002 saß sie zwölf Tage in einem gläsernen Pavillon, trank nur Mineralwasser, aß und sprach nicht, und ging dreimal täglich vor den Augen der Besucher duschen. Anlässlich ihrer großen Retrospektive 2012 im New Yorker MoMA (Museum of Modern Art) saß sie mehrere Hundert Stunden schweigend vor Tausenden von Besuchern. Für ihre Arbeit wurde sie vielfach ausgezeichnet, 1997  erhielt sie den Goldenen Löwen der Biennale in Venedig.  

Die Fotografin Hilla Becher erhält den großen Kulturpreis der Sparkassenkulturstiftung Rheinland. Mit 30.000 € Preisgeld zählt dieser zu den höchstdotierten deutschen Kulturpreisen. Die Kuratoriumsentscheidung wurde damit begründet, dass Hilla Becher 'eine der bedeutendsten Fotografinnen unserer Zeit sei, die zusammen mit ihrem Mann in einzigartiger Weise Einfluss auf Generationen von dokumentarischen Fotografen und Künstlern genommen hat'. Gemeinsam mit ihrem 2007 verstorbenen Mann Bernd Becher gründete sie die berühmte Düsseldorfer Fotoschule, aus der Künstler wie Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Ruff und Thomas Struth hervorgingen.

Vergangenen Sonntag sprach ich auf dem Rückflug von Frankfurt nach Berlin mit Frank Schirrmacher. Mitte des letzten Jahrzehnts saßen wir gemeinsam auf einer Frankfurter Bühne und diskutierten über das Älterwerden, über die Gefahren des Internets, auch über die Techniken des Kunstmarkts. Seit dieser Zeit begegneten wir uns immer wieder; zufällig und meist im Flieger. Wir tauschten uns über die aktuellen Geschehnisse in der Malerei aus. So auch vergangenen Sonntag. Gestern erlag der FAZ Herausgeber im alter von 54 Jahren den Folgen eines Herzinfarktes. Ein großer Verlust für unsere Gesellschaft, deren Verhalten Schirrmacher stets aufmerksam beobachtete. Seine mahnenden Worte zur bedrohlichen Beschleunigung unserer Kommunikationsmittel sind verhallt. Gut möglich, dass er Opfer seiner eigenen Befürchtung wurde.

Jetzt ist er tot. Einfach so.

Michael